Ein Workshop der besonderen Art fand am 28. September 2024 in der neuapostolischen Kirche Bottrop-Mitte statt. Die Übersetzerin der Hörgeschädigten, Kerstin Koller, hatte zu einer Chorprobe „Singen mit den Händen“ eingeladen.
Fast zwanzig Hörgeschädigte und Hörende hatten sich eingefunden und waren sehr gespannt darauf, was sie erwartete.
Zunächst gab Kerstin Koller eine kurze Einführung in die Geschichte der „Gebärdensprache“.
Die Deutsche Gebärdensprache ist erst seit 2002 anerkannt. Sie umfasst rund 18.000 Gebärden. Gebärdensprache ist nicht international, sondern sie entsteht in jedem Land eigenständig und wird auch in Dialekten gebildet.
Je nach Schulbildung nutzen Hörgeschädigte 4.000 bis 5.000 Wörter, meist aber weniger. Die Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik.
Die deutsche Sprache umfasst im Standartwortschatz 300.000 bis 400.000 Wörter, Hörende nutzen davon je nach Schulbildung als Muttersprachler 12.000 bis 16.000 Wörter, verstehen aber im passiven Wortschatz mit etwa 50.000 Wörtern deutlich mehr. Dass zeigt die Problematik in der Kommunikation.
Hörgeschädigte in der NAK
1963 engagierte sich der spätere Bezirksälteste Lierse für die Belange der Hörgeschädigten in seinem Umfeld.
Am 12.Mai 1963 fand der erste Gottesdienst für Hörgeschädigte statt. Aufgrund der guten Resonanz veranlasste Stammapostel Schmidt, dass regelmäßig Gottesdienste für Hörgeschädigte stattfinden.
Warum Gebärdenchor?
Er schafft die Möglichkeit zum gemeinsamen Loben und Anbeten.
- Gemeinsames Schaffen stärkt die Verbundenheit.
Glaubensgeschwistern die Lieder zugänglich machen, hörgeschädigten Glaubensgeschwistern, die visuelle Unterstützung brauchen, oder bei andersprachigen Texten den Inhalt zu vermitteln.
- Hemmschwellen abbauen.
Gebärden heißt mit Mimik, Körperhaltung, Gesten, also Hand und Fingerhaltung kommunizieren.
Gefühle deutlich zeigen, alles andere ist nicht authentisch!
Erste Übungen
Nach dieser Einleitung, die allen Hörenden deutlich gemacht hatte, wie wichtig eine gute Kommunikation ist, begann die Chorprobe mit einer Übung.
Die Hörenden sollten Sätze gebärden und die Hörgeschädigten sollten erkennen, was gemeint ist. Danach ging es umgedreht weiter. Schon dabei zeigten sich Unterschiede. Die Hörenden gebärden mit anderen Gesten als die Hörgeschädigten. Nach einigen Übungen gelang die Übersetzung immer besser.
Dann fing die eigentliche Arbeit an: Kerstin hatte sich ein Lied aus einem Kinderliederbuch ausgesucht.
„Kommt herein, Groß und Klein, kommt, wir wollen fröhlich sein.
Seid willkommen in der Runde, freut euch mit auf unsere Stunde.
Jesus ist schon eingetreten, hört das Singen und das Beten.“
Alle mussten erst einmal den Text auswendig lernen und dann in Gebärden umsetzen. Kerstin wurde nicht müde, es immer wieder zu demonstrieren - bis jeder es nachmachen konnte.
Ein zweites Lied folgte: Der altbekannte „Schlager“, CM 162 „Der Herr ist mein Licht“. Der Text war allen bekannt, die Schwierigkeit war, dass nur der Sopran gebärdet wird. Aber auch da war Kerstin unermüdlich und motivierte immer wieder.
Pause zur Stärkung und weiter geht's
Nach einer Mittagspause mit Pizza und Salat ging es weiter. Das Geübte wurde mehrfach wiederholt, damit alle sicher wurden.
Die Überraschung kam dann: Am nächsten Morgen sollten die Lieder im Gottesdienst vorgetragen werden! Nach kurzer Bedenkzeit war allen klar: „Das machen wir!“
Alle Anwesenden einigten sich auch darauf, nach Terminabsprache weiterzumachen und den Gebärdenchor zu einer festen Institution werden zu lassen.
Das Kinderlied wurde am Sonntagmorgen nach dem Textwort vorgetragen. „Der Herr ist mein Licht“ bildete, von der ganzen Gemeinde gesungen beziehungsweise gebärdet, den schönen Abschluss des Gottesdienstes.
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